Sonntag, 6. Februar 2011
Thema: Anforderungen
Anforderungen müssen 'atomar' sein, schreibt die einschlägige Requirements-Engineering-Literatur.

Nachdem ich in der Vergangenheit viele atomare Anforderungen geschrieben habe und vor einigen Jahren dann zu Use-Cases als Dokumentationswerkzeug übergegangen bin, möchte ich dem widersprechen.
Atomare Anforderungen mögen formal toll sein, nützlich sind sie nicht.

Mein Hauptkritikpunkt an atomaren Anforderungen ist die erschwerte Lesbarkeit. Dokumentation dient in erster Linie dazu, gelesen zu werden und sollte leicht lesbar und möglichst gut verständlich sein.
Insbesondere der Kontext einer Anforderung und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Anforderungen sollen IMHO leicht erfassbar sein können, um es dem Leser einfach zu machen, die Komplexität zu erfassen.
Aus einer Menge atomarer Anforderungen diese Komplexität zu erfassen, ist fast unmöglich für einen untrainierten Leser.

Lt. Wikipedia soll das Kriterium für ein "Atom" die Entscheidbarkeit einer Anforderung sein.
Formal gesehen muss also in einer Anforderung alle Information enthalten sein, um zu entscheiden ob sie erfüllt ist. Das heißt, der gesamte Kontext, insbesondere alle Vorbedingungen zum Erreichen der Anforderung, müssen in der Anforderung genannt sein!?

Da das viel zu aufwendig und nicht mehr lesbar ist, ergibt sich der Kontext meist aus den umstehenden Anforderungen. Oftmals gibt es für eine Handvoll zusammenhängender Anforderungen einen Übersichtsabschnitt, der den Kontext und den Zusammenhang der Anforderungen erklärt, bevor dann die einzelnen atomaren Anforderungen aufgezählt werden.
Dieser Übersichtsabschnitt ist demnach redundant zu den umstehenden Anforderungen, er bündelt nur die Einzelpunkte mit dem Ziel der Lesbarkeit. Manchmal nennt er auch ein übergeordnetes Ziel, die atomaren Anforderungen dann die Details.

Beiden Varianten würde ich die Integration der Informationen vorziehen. Ich lasse die Detailanforderungen weg und integriere sie in den Übersichtsabschnitt!

Alle potenziellen Leser profitieren von leichter Lesbarkeit. Selbst Tester, die atomar entscheiden sollen, ob eine Anforderung erfüllt ist, profitieren von den Zusammenhängen für ihre Testfälle.
Das einzige Szenario, das mir einfällt, in dem atomare Anforderungen notwendig sind, ist die Abnahme mit dem Anwalt – eine Situation, in die ich hoffentlich nicht kommen werde...

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